2026, May 4

Großmachtsucht. Deutschland rüstet für die Führung Europas.

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Hinter den politischen Leitbegriffen „Kriegstüchtigkeit“ und „Wehrhaftigkeit“, so die zentrale Diagnose dieses Buches, verbirgt sich militärisch vor allem ein Programm umfassender Wiederaufrüstung. Der Historiker Jens van Scherpenberg stellt in seinem Buch die unbequeme Frage, was es innen- und außenpolitisch bedeutet, wenn Deutschland erklärtermaßen die konventionell stärkste Armee Europas stellen soll. Seine These ist zugespitzt: Hinter der „Zeitenwende“-Rhetorik steht nicht nur defensive Verteidigung gegen äußere Bedrohungen, sondern auch Machtpolitik und ein neues Großmachtstreben. Der ehemalige Leiter der Forschungsgruppe Amerika bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) begründet dies mit historischen Parallelen und langfristigen Entwicklungslinien der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik seit der Nachkriegszeit.

Aufschlussreich ist van Scherpenbergs Blick auf die Dreierbeziehung Deutschland–Frankreich–USA. Das deutsch-französische Verhältnis, geprägt von Rivalität einerseits und Kooperationszwang andererseits, lässt sich ohne die Rolle der USA als Katalysator europäischer Integration kaum verstehen. Zugleich bleibt das transatlantische Verhältnis für Deutschland trotz aller Zweifel an der Verlässlichkeit Washingtons als Sicherheitsgarant zentral. Gerade darin liegt ein zentrales Dilemma deutscher Außenpolitik: die richtige Balance zwischen transatlantischer Bindung und europäischer Führungsrolle an der Seite Frankreichs zu finden.

Besonders wertvoll (und zugleich pointiert) sind die Passagen, in denen van Scherpenberg unbequeme Wahrheiten anspricht: die realen Kosten und der fragliche Nutzen einer deutschen Großmachtpolitik, die Verteilungslasten innerhalb der EU und die innenpolitischen Folgen einer Militarisierung. Letztlich liegt es an den Bürgerinnen und Bürgern, deutet er an, sich der Rolle als „Menschenmaterial“ für nationale Großmachtambitionen und militärische Operationen zu verweigern.

Eine historisch fundierte, streitbare Analyse in einer Debatte, die häufig von Alarmismus und sicherheitspolitischen Schlagworten geprägt ist. Das Buch bietet unerwartete Einsichten in die staatliche Machtlogik und vermeidet naiven Pazifismus ebenso wie pauschalen Antiamerikanismus.

 

Jens van Scherpenberg: Großmachtsucht. Deutschland rüstet für die Führung Europas. Westend Verlag, Neu-Isenburg 2026, 288 S., 28,00 €.