Die neue US-Verteidigungsstrategie rückt Grönland in den Vordergrund. Arktis-Sicherheit, Raketenabwehr, Russland und die Rolle Europas im Hohen Norden.
Die Debatte um Grönland wurde in Europa lange als politisches Störfeuer wahrgenommen, oft reduziert auf Stil und Auftreten von Donald Trump. Ein Blick in die Nationale Verteidigungsstrategie der USA (National Defense Strategy, NDS) zeigt jedoch: Grönland wird nicht nur symbolisch, sondern als Baustein einer neu ausgerichteten Sicherheitsarchitektur im Hohen Norden verhandelt.
NDS 2026: Heimatverteidigung, Raketenabwehr – und „key terrain“ Grönland
Die am 23. Januar 2026 vom Pentagon veröffentlichte NDS setzt die Verteidigung der USA („Homeland“) und die Absicherung amerikanischer Interessen in der westlichen Hemisphäre nach oben auf die Prioritätenliste. Auffällig ist dabei die starke Betonung von Raketen- und Luftverteidigung und der neuen Luftabwehrinitiative „Golden Dome for America“.
In diesem Kontext wird Grönland auffällig prominent als Schlüsselgelände („key terrain“) für militärischen und kommerziellen Zugang genannt, zusammen mit dem Panama-Kanal und dem Golf von Amerika. Damit taucht Grönland in der offiziellen US-Strategiesprache als Teil einer Heimat- und Vorfeldverteidigung auf, die frühe Detektion und Abwehr im arktisch-nordatlantischen Raum umfasst. Die Priorisierung ist nicht zufällig. Mehrere Trends verschieben die sicherheitspolitische Kalkulation:
- Technologische Entwicklung bei Langstrecken- und Hyperschallwaffen erhöht die Relevanz von Frühwarnung und Abwehr im arktischen Vorfeld (kürzere Flugrouten über den Pol),
- Klimawandel verbessert die Zugänglichkeit für Schifffahrt und Infrastruktur, was die Arktis geopolitisch „näher“ an klassische Konfliktlogiken rückt.
Russlands Arktisstrategie bis 2035
Die amerikanische Neujustierung hängt zum Teil auch mit Russlands Arktis-Politik zusammen. Russland ist einer der fünf Anrainerstaaten am Arktischen Ozean („Arctic Five“: USA, Kanada, Dänemark/Grönland, Norwegen, Russland), und zwar derjenige mit der längsten arktischen Küste von etwa 24.000 Kilometern. Seine nationalen Interessen hat Russland per Präsidialdekret schon 2020 in einer offiziellen Arktisstrategie bis 2035 festgeschrieben. Zu den Prioritäten gehören wirtschaftliche Entwicklung, Infrastrukturaufbau und Absicherung von Küsten und vorgelagerter maritimer Räume der Nordostpassage. Auf der Kola-Halbinsel ist zudem die Nordflotte verankert, die eine tragende Rolle in der seegestützten nuklearen Abschreckung spielt. Trotz wachsender Aktivitäten besteht jedoch momentan nicht zwingend ein Bedrohungsszenario gegen Grönland oder die NATO, der Treiber ist eher die Vorsorgelogik der langfristigen strategischen Konkurrenz.
Pituffik Space Base: Frühwarn- und Sensor-Knotenpunkt
In diesem Zusammenhang gewinnt Grönland als Sensor- und Frühwarnraum an Gewicht. Die Pituffik Space Base (ehemals Thule Air Base) ist ein US-Stützpunkt im Nordwesten Grönlands, der Aufgaben bei Raketenwarnung und Weltraumüberwachung übernimmt. Die Präsenz der US Space Force basiert auf dem Verteidigungsabkommen USA–Dänemark/Grönland von 1951. Aus US-Sicht ist der Punkt klar: Wer Frühwarnung, Tracking und Verteidigung im arktisch-nordatlantischen Vorfeld integrieren will, kann Grönland nicht ausklammern.
Neuordnung der arktischen Sicherheitsarchitektur – Konsequenzen für Europa
Bereits in der amerikanischen Sicherheitsstrategie (US National Security Strategy, NSS) von Dezember 2025 sind Initiativen wie „Golden Dome“ als Ziel genannt. Die NDS 2026 operationalisiert das, einschließlich des Anspruchs, Zugang zu „key terrains“ wie Grönland zu sichern.
Für Europa folgt daraus eine praktische Frage: Welche konkreten Beiträge können europäische NATO-Staaten für eine gemeinsame Sicherheitsarchitektur im Hohen Norden leisten? Reale Ansatzpunkte wären: Resilienz und kritische Infrastruktur, ziviler Schutz / Krisenvorsorge, maritime Lagebilderstellung und Aufklärung, Lastenteilung und Fähigkeiten (z. B. arktistaugliche Logistik). Passend dazu hat die EU-Kommission Ende 2025 eine öffentliche Konsultation zur Aktualisierung der EU-Arktispolitik gestartet; die Überarbeitung soll 2026 erfolgen.
Grönland ist damit auch ein Frühindikator für die Neuordnung von Sicherheitspolitik im 21. Jahrhundert, und zwar in einer Region, die durch Technologie und Klima strategisch aufgewertet wird.
> https://www.thepioneer.de/originals/thepioneer-expert/articles/groenland-donald-trump-sicherheit-usa








