60 Jahre ITB Berlin: Jubiläumsmesse unter neuen Vorzeichen
Die ITB Berlin, die traditionell zu Frühlingsbeginn in der deutschen Hauptstadt stattfindet, stand in ihrem 60. Jubiläumsjahr unter besonderen Vorzeichen. Abermals wurde die Weltleitmesse des Tourismus zu einem Brennglas für die internationale Reisebranche – eine Branche, die unter völlig neuen Bedingungen agieren muss. Geopolitische Krisen beeinflussen Flugrouten und Märkte in dramatischer Weise. Künstliche Intelligenz stellt Geschäftsmodelle, Vertrieb und Kundenbeziehungen auf den Kopf. Overtourism zwingt Destinationen zu besseren Steuerungsmodellen. Nachhaltigkeit wird zur Voraussetzung langfristiger Wettbewerbsfähigkeit.
Gerade deshalb war diese Jubiläumsmesse bemerkenswert. Sie zeigte nicht nur die Robustheit des Tourismus, sondern auch seine Abhängigkeit von Vertrauen, Mobilität und Kooperation. In einer Welt, in der politische Konflikte binnen Stunden globale Reiserouten verändern können, gewinnt die persönliche Begegnung paradoxerweise wieder an Wert. Mehr als 5.500 Aussteller aus 166 Ländern und Regionen sowie rund 97.000 Fachbesucher kamen Anfang März auf dem Berliner Messegelände zusammen. Damit bewegten sich die Zahlen nahezu auf Vorjahresniveau. Und das trotz erheblicher geopolitischer Spannungen: Unmittelbar vor Messebeginn eskalierte der Iran-Konflikt, was Luftsperrungen und Flugausfälle in der Golfregion zur Folge hatte. Infolge der Eskalation wurden tausende Flüge über zentrale Drehkreuze wie Dubai und Doha gestrichen. Für die ITB blieb das nicht folgenlos: Delegationen aus dem Nahen und Mittleren Osten, aber auch Gäste aus Asien und Afrika konnten Berlin teils verspätet oder gar nicht erreichen.
Das oft bemühte Wort „Resilienz“ erhielt so plötzlich eine sehr konkrete Bedeutung. Mario Tobias, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe Berlin, brachte es auf den Punkt: Die ITB habe in ihrem Jubiläumsjahr gerade in Zeiten geopolitischer Spannungen, insbesondere im Nahen Osten, ihre Bedeutung für internationalen Austausch und Zusammenarbeit bewiesen. Vertrauen und Partnerschaften seien heute wichtiger denn je. In der Tat präsentierte sich die Jubiläumsmesse bemerkenswert robust und verteidigte abermals ihren Ruf als wichtige Marktplattform für die globale Reiseindustrie. Während der drei Messetage wurden Geschäftsabschlüsse und Einkaufsentscheidungen in Höhe von rund 47 Milliarden Euro getätigt. Diese Zahl zeigt, dass die ITB weit mehr ist als eine Bühne für schöne Reisewelten. Sie ist ein Ort, an dem Märkte sortiert, Partnerschaften erneuert und strategische Weichen gestellt werden.
Eine Branche zwischen Wachstum und Verwundbarkeit
Die globale Tourismuswirtschaft sieht sich heute mit einem neues Zeitalter konfrontiert: Krisen sind keine Ausnahme mehr, sondern Teil der Rahmenbedingungen. Pandemien, Kriege, Energiepreise, Extremwetter, Visa- und Sicherheitsfragen sowie verändertes Konsumverhalten greifen ineinander. Wer heute im Tourismus erfolgreich sein will, muss nicht nur attraktive Produkte anbieten, sondern auch mit Unsicherheit umgehen können.
Der ITB Berlin Kongress spiegelte diese Lage mit dem Leitthema „Leading Tourism into Balance“. Mehr als 400 Speaker diskutierten in über 200 Sessions auf vier Bühnen und in 17 Themen-Tracks über KI, nachhaltiges Wachstum, neue Marktstrukturen, Resilienz sowie Verantwortung von Unternehmen und Destinationen. Etwa 24.000 Besucher nahmen am Kongress teil. Die Debatten drehten sich immer wieder um die Frage, wie sich der Tourismus in einer zunehmend von Krisen geprägten Welt neu aufstellen kann. Der Begriff der „Polykrise“ fiel dabei nicht zufällig. Auch die Reisebranche befindet sich in einer Phase tiefgreifenden Wandels. Es geht nicht mehr allein darum, nach schwierigen Jahren wieder zu wachsen. Es geht darum, anders zu wachsen: widerstandsfähiger, intelligenter, nachhaltiger und mit stärkerem Bewusstsein für gesellschaftliche Folgen.
Künstliche Intelligenz verändert die Spielregeln
Künstliche Intelligenz als Zukunftsthema war auf dem Messegelände in Berlin allgegenwärtig. Aus der Perspektive der Tourismuswirtschaft ist KI längst kein rein technisches Tool mehr für die Automatisierung einzelner Prozesse. Sie spielt eine zentrale Rolle im Strukturwandel, der die Branche gerade von Grund auf umkrempelt: Geschäftsmodelle, Distribution, Destinationsmanagement und Kundeninteraktion.
Dabei geht es nicht nur darum, dass Reiseanbieter schneller antworten, Daten besser auswerten oder Buchungsprozesse effizienter gestalten können. Es geht um eine Verschiebung der Schnittstelle zum Reisegast. Wer künftig über KI-Agenten sucht, plant und bucht, trifft seine Entscheidung möglicherweise nicht mehr über klassische Websites, Kataloge oder Vergleichsportale, sondern über digitale Assistenten, die Angebote filtern, bewerten und verhandeln. Wer kontrolliert aber den Zugang zum Kunden – Destinationen, Reiseveranstalter, Plattformen oder die großen Technologieanbieter? Für viele Anbieter könnte diese Frage existenziell werden. Sichtbarkeit entsteht künftig nicht mehr nur durch starke Marken, gute Inhalte oder klassische Suchmaschinenoptimierung, sondern auch dadurch, ob ein Angebot von KI-Systemen verstanden, priorisiert und empfohlen wird.
Für Premiumanbieter kann diese Entwicklung Chancen eröffnen: hochpersonalisierte Reiseerlebnisse, KI-agentenbasierte Buchungssysteme, datenbasierte Services und nahtlose Betreuung vor, während und nach der Reise. Im Massenmarkt dagegen droht eine weitere Standardisierung, bei der Sichtbarkeit und Preislogik noch stärker über Algorithmen gesteuert werden. Die Kluft zwischen kuratiertem Premiumerlebnis und austauschbarem Massenprodukt könnte sich vertiefen. KI wird den Tourismus also nicht nur effizienter machen. Sie wird auch die Kräfteverhältnisse innerhalb der Branche verschieben.
Parallel verschärft sich ein anderes Problem: Overtourism. Momentan fehlt in vielen Destinationen noch die richtige Balance zwischen touristischer Nachfrage, den gewohnten Lebensweisen der einheimischen Bevölkerung und dem Schutz natürlicher Ressourcen. Die ITB griff diese Fragen rund um nachhaltige Destinationen ausdrücklich auf. Der Druck steigt, dem Overtourism mit neuen Formen des Destinationsmanagements zu begegnen, um die Entwicklung nachhaltiger und sozial verträglicher zu gestalten. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, Tourismus nicht länger nur an Ankünften, Übernachtungen und Umsätzen zu messen. Die Zukunft gehört nicht zwangsläufig den Orten, die die meisten Gäste anziehen, sondern jenen, die Besuch, Lebensqualität und Naturhaushalt intelligent austarieren.
Im Lebensrhythmus von Angola
Besondere Aufmerksamkeit galt Angola, dem offiziellen Gastland der ITB Berlin 2026. Unter dem Motto „The Rhythm of Life“ beeindruckte das Land im Südwesten Afrikas durch seine außergewöhnliche Naturvielfalt – von den Kalandula-Wasserfällen, Savannen und Flussläufen über das Hochland bis zur Atlantikküste und den spektakulären Formationen im Süden des Landes, etwa am Miradouro da Lua unweit der Grenze zu Namibia – sowie durch eine reiche Kultur der angolanischen Volksgemeinschaften. Mit Musik, lokalen Traditionen und Tänzen wie Kizomba, Semba und Kuduro überzeugte Angola als authentisches Reiseziel für Entdecker, Natur- und Kulturliebhaber.
Damit steht Angola exemplarisch für eine Reihe afrikanischer Länder, die auf dem internationalen Tourismusmarkt sichtbarer werden wollen, ohne lediglich bekannte Modelle von Massentourismus zu kopieren. Das Potenzial ist groß, aber gerade deshalb ist die strategische Frage entscheidend: Wird Tourismus vor allem als schnelle Einnahmequelle verstanden oder als Instrument für Infrastruktur, kulturelle Sichtbarkeit, lokale Wertschöpfung und nachhaltige Entwicklung? Das Land präsentierte sich in Berlin als Destination im Aufbruch. Es stimmte einen neugierig auf die Destination, betonte die Diversität und Ambitionen eines touristisch noch jungen Marktes ohne auf Exotik oder reine Fernweh-Bilder zu setzen.
In puncto internationale Anbindung bleibt allerdings noch Spielraum für Entwicklung. Bisher verbindet Lufthansa die Hauptstadt Luanda ab Frankfurt mit einigen Direktflügen pro Woche. Die angolanische Regierung ist zudem dabei, die Tourismusinfrastruktur, vor allem entlang der Küste, zu entwickeln. Für den Ausbau sind rund 450 Millionen US-Dollar vorgesehen, wie Angolas Tourismusminister Márcio de Jesus Lopes Daniel bei seinem Auftritt in Berlin erklärte. Entscheidend wird sein, ob diese Investitionen nicht nur neue Kapazitäten schaffen, sondern auch ein nachhaltiges Modell fördern, das lokale Gemeinschaften einbezieht und die natürlichen Ressourcen des Landes schützt. Wenn dieser Weg konsequent verfolgt wird, könnte Angola ein Beispiel dafür werden, wie ein Land Tourismus nicht als Kopie bestehender Massenmodelle entwickelt, sondern als Teil einer eigenen nachhaltigen Zukunftsstrategie.
Malediven als Gastland 2027
Am letzten Tag gab die Messe Berlin bekannt, dass die Malediven Gastland der ITB Berlin 2027 sein werden. Der offizielle Vertrag mit Visit Maldives sei soeben unterzeichnet worden. Der Inselstaat im Indischen Ozean, zwischen Indien und Sri Lanka gelegen, will dabei ein vielfältiges Angebot präsentieren: von Luxus- und Boutique-Resorts über Tauchen und Wassersport bis hin zu Wellness, Kultur und nachhaltigen Reiseformaten. Visit Maldives stellte in seiner Präsentation den Schutz empfindlicher Meeresökosysteme und die Förderung lokaler Gemeinschaften, die den touristischen Erfolg des Landes maßgeblich tragen, gesondert heraus. Damit steht 2027 ein Land im Mittelpunkt, das wie kaum ein anderes für die Ambivalenz des modernen Tourismus steht: Traumdestination und Klimafrage, Luxusmarkt und lokale Lebensrealität, globale Sehnsucht und ökologische Verletzlichkeit.
Die Malediven sind für viele Reisende ein Sehnsuchtsort. Gleichzeitig gehören sie zu jenen Destinationen, an denen die großen Zukunftsfragen des Tourismus besonders sichtbar werden. Wie lässt sich Luxus mit ökologischer Verantwortung verbinden? Wie können fragile Meeresökosysteme geschützt werden, wenn genau diese Natur die Grundlage des touristischen Erfolgs bildet? Und wie gelingt es, lokale Gemeinschaften nicht nur als Begleitmotiv, sondern als tatsächliche Träger touristischer Entwicklung einzubeziehen? Damit könnte der Inselstaat zu einem Testfall für die Frage werden, wie glaubwürdig nachhaltiger Tourismus im Hochpreissegment tatsächlich sein kann.
Die nächste ITB Berlin findet vom 16. bis 18. März 2027 statt. Die einmalige Terminverschiebung trägt interkulturellen Aspekten Rechnung: Muslimische Aussteller und Besucher sollen das Zuckerfest zum Ende des Ramadans feiern und anschließend an der Messe teilnehmen können.
Bild: Eingang Süd der ITB Berlin auf dem Messegelände © Svetlana Alexeeva








