2026, March 3

Die Gnade des Schweigens. Han Kangs stilles Meisterwerk

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Gibt es im Wesen des Menschen eine absolute Innerlichkeit? Weniger die des inneren Monologs oder der Phantasie, der inneren Anschauung und was sonst die westliche Geisteswelt an Inwändigkeiten hervorbrachte. Eher eine Innerlichkeit, die alles aufwiegt, was sich im Lauf des Lebens von ihr entfernte, selbst die Zeit und den Raum, in denen unsere vergänglichen Körper existieren und dabei mit allerlei Vergänglichkeiten beschäftigt sind, allerlei Zumutungen ausgesetzt.

Dieser Frage spürt Han Kang in Griechischstunden mittels poetischer Schreibkunst nach. Die 1970 in Gwangju, Südkorea, geborene Autorin gilt als die bedeutendste literarische Stimme ihres Landes – eine Einschätzung, die der Nobelpreis für Literatur 2024 eindrucksvoll bestätigte. Seit ihrem Debüt als Dichterin 1993 und ihrem ersten Roman 1994 hat sie ein Werk geschaffen, das international höchste Anerkennung fand: Die Vegetarierin wurde 2016 gemeinsam mit ihrer Übersetzerin mit dem Man Booker International Prize ausgezeichnet, Menschenwerk mit dem renommierten italienischen Malaparte-Preis.

In einem Klassenzimmer in Seoul begegnen sich zwei Menschen in einem Moment privater Angst: eine junge Frau, die ihre Stimme verloren hat, und ihr Griechischlehrer, der zusehends sein Augenlicht verliert. Hinter ihrer Stille verbirgt sich ein tiefer Schmerz; sie hat in nur wenigen Monaten sowohl ihre Mutter verloren als auch den Kampf um das Sorgerecht für ihren neunjährigen Sohn. Sein Schmerz wiederum wurzelt im Zerrissensein zwischen Korea und Deutschland, zwischen zwei Kulturen und Sprachen.

Han Kang beschreibt das Verstummen der Frau als buchstäbliches Verlorengehen, als Des-Sich-Auflösen menschlicher Sprache – so wie das Erblinden ihres Lehrers als langsames Verschwinden aus der Welt. Die Autorin setzt dabei eindringlich das Mittel der Poesie ein. Und die Antwort ergibt sich wie eine plötzlich aus großer Meerestiefe, vom Ort totaler Stille sich lösende Luftblase, die an die Oberfläche strebt: Der Weg zu Wahrhaftigkeit und Erfüllung mündet im Loslassen.

Gerade dann, wenn es am schwersten fällt, wenn das Leben uns in seiner geballten Pathologie, seiner labyrinthhaften Psychosomatik an der Wand zu erdrücken droht, finden ein blinder Lehrer für Altgriechisch und seine verstummte Schülerin in einer Seouler Sprachschule einen letzten verlässlichen Trost in ihrer jeweiligen Innerlichkeit.

In deren großer Stille treffen sich diese beiden Giganten der großen Ruhe am Ende des Romans in einer Art Finale, einem geräuschlosen Anti-Showdown. Ein Treffen nicht mehr nur zweier verlorener Seelen, die sich im Gegenüber wiederfinden, ohne dass ihnen das Wort ‚Liebe’ über die Lippen kommt, sondern gleichsam eines zwischen Platon und Buddha.

Ein kleines, fernöstliches Meisterwerk.

> Han Kang: Griechischstunden. Aufbau Verlag, Berlin 2024, 204 S., 23;00 €. Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee.

Tipp:

Han Kang live erleben

Wer die Nobelpreisträgerin persönlich erleben möchte: Beim Internationalen Literaturfestival Berlin 2026 eröffnet Han Kang am 7. September im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie die neue Reihe Satzwechsel – Literatur und Musik, eine Kooperation des Festivals mit den Berliner Philharmonikern. Sie stellt ihr neues Buch Der goldene Faden vor, das grundlegenden Fragen nachgeht und sich mit Erfahrungen von Gewalt auseinandersetzt; darunter auch ihre vielbeachtete Nobelpreisrede. Ein eigens auf ihr Werk abgestimmtes Kammermusikprogramm ergänzt die Lesung und erweitert die Perspektive des Abends.