2026, June 1

Georg Kolbes „Tänzerinnen-Brunnen“: NS-Raubkunst, Restitution und Auktion bei Grisebach

Georg Kolbe schuf den „Tänzerinnen-Brunnen“ 1922 im Auftrag des jüdischen Unternehmers Heinrich Stahl. Nach seiner Restitution als NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut wird die monumentale Brunnenanlage nun im Auftrag der Erben in den Sommerauktionen 2026 bei Grisebach angeboten.

Die Augen in Ekstase geschlossen, den Kopf in den Nacken geworfen, auf einem Bein balancierend, die Arme weit ausgebreitet: Die Brunnentänzerin tanzt – nein, sie schwebt über einer stilisierten Lotusblüte, die ihr als Brunnensockel dient, als gäbe es nichts außer ihr und ihrem Körper, der einer göttlichen Führung folgt. So sah ich sie am Wochenende im Garten der Villa Grisebach in Berlin. Es ist schwer, sich diesem Sog zu entziehen.

Ihre Anziehung ist magisch, ihre Geschichte tragisch: Der „Tänzerinnen-Brunnen“ gilt als NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut. Das Werk wurde inzwischen an die Erben seines ermordeten jüdischen Auftraggebers restituiert. Entstanden war der „Tänzerinnen-Brunnen“ im Auftrag des jüdischen Unternehmers und Kunstsammlers Heinrich Stahl. Während der NS-Zeit musste die Familie Stahl ihr Haus mitsamt dem Brunnen unter Wert verkaufen. 1942 wurden Heinrich und Jenny Stahl nach Theresienstadt deportiert; Heinrich Stahl überlebte das Lager nicht.

Lange stand die monumentale Brunnenanlage aus Bronze und Travertin im Garten des Georg Kolbe Museums in Berlin. Nun wird sie, nach einer gütlichen Einigung zwischen der Georg-Kolbe-Stiftung und den Erben nach Heinrich und Jenny Stahl, im Rahmen der Grisebach-Abendauktion am 4. Juni 2026 in Berlin versteigert. Der Schätzpreis liegt bei 1.000.000 bis 1.500.000 Euro.

Wer weiß, wohin sie dann verschwindet? Und ob wir diese Traumtänzerin je wiedersehen?