2026, June 5

Zwischen Alghero, Cagliary und Baunei – Sardiniens Seele auf eigene Faust entdecken

Wer Sardinien bei einem ersten Besuch im Querschnitt kennenlernen möchte, beginnt am besten in Alghero im Nordwesten. Angesichts ihrer Größe – Sardinien ist die zweitgrößte Insel im Mittelmeer – bietet sich diese Route besonders an. Die Stadt ist nicht nur durch eine reiche spanisch-katalanische Vergangenheit geprägt, sondern stimmt auch auf die Eigenart Sardiniens ein wie kaum ein anderer Ort der Insel. Von hier aus lässt sich bequem südwärts aufbrechen, um die Westküste zu erkunden und unterwegs zahlreiche Gelegenheiten für spontane Abstecher ans Meer zu nutzen.

Alghero: Wo Katalonien auf Sardinien trifft

Mit rund 40.000 Einwohnern zählt Alghero zu den größsten Städten der Insel. Die weitgehend autofreie Altstadt liegt umschlossen von alten Wehrmauern und öffnet sich in halbrunder Form zum Meer hin. Ihr Herzstück bildet eine historische Festungsanlage, deren Fundamente bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen. In spanisch-katalanischer Zeit wurde sie weiter ausgebaut. Besonders eindrucksvoll sind die Bastioni: meterdick, mit mächtigen Wehrtürmen, zum Wasser hin begehbar und mit herrlichem Blick über das Meer bis zum Capo Caccia, der markanten Kalksteinmassiv auf einer Halbinsel im Nordwesten. Vor allem beim Sonnenuntergang gibt es in Alghero kaum einen besseren Platz zu romantischem Verweilen.

Die Kathedrale aus dem 16. Jahrhundert, Santa Maria Immacolata, ist ein echter eklektizistischer Hingucker. Sofort fällt die ganz in Weiß gehaltene, monumentale Säulenfront des Eingangsportals ins Auge. Im Inneren setzt sich dieser Eindruck fort; die mächtigen Pfeiler erinnern zuweilen sogar an altägyptische Tempel.

Ein Blick in die Geschichte erklärt vieles: Im 14. Jahrhundert geriet Sardinien unter die Herrschaft der Krone Aragón. Noch lange nachdem das Königreich Sardinien 1861 im neu gegründeten Königreich Italien aufgegangen war, blieb Alghero eine katalanisch geprägte Enklave. Bis heute spricht ein Teil der Bevölkerung bezeichnenderweise Algherese, eine Variante des Katalanischen – also einer eigenständigen romanischen Sprache, die weder Sardisch noch eine italienische Mundart ist. Doch dieses Erbe verblasst allmählich: Die junge Generation ist des Katalanischen zunehmend kaum noch mächtig und spricht vor allem Italienisch, teils auch Sardisch.

Ein besonders eindrucksvolles Überbleibsel aus spanisch-katalanischer Zeit sind die aufwendigen Osterprozessionen, die in der Karwoche durch die Altstadtgassen ziehen. Lebensgroße Heiligenfiguren werden auf Bahren getragen, begleitet von Musikkapellen und Nazarenern in langen Tuniken mit jenen charakteristischen, spitz aufragenden Kapuzen, die das Gesicht vollständig verhüllen und nur die Augen frei lassen.

Cagliari: Großstadtflair auf Sardisch

Nach einer rund 200 Kilometer langen Fahrt entlang der Westküste – mit herrlichen Ausblicken, kleinen Stränden und traumhaften versteckten Buchten – erreicht man die Inselhauptstadt Cagliari, mit rund 147.000 Einwohnern die größte Stadt Sardiniens. Schon beim Einfahren überrascht sie mit ausgeprägtem Großstadtflair und einer gelungenen Verbindung von Alt- und Neustadt – dies umso bemerkenswerter, als Cagliari 1943 durch Bombardements der Alliierten zu großen Teilen zerstört wurde. Die hügelige Topografie verleiht der Stadt Leichtigkeit und Weitläufigkeit, mit wunderschönen Ausblicken auf den Golf von Cagliari und die umliegenden Lagunen – Heimat Hunderter Flamingos, die sich in Rosa und Weiß zwischen den Schilfgürteln spiegeln. Vom Bastione Saint Rémy aus genießt man einen beeindruckenden 360-Grad-Rundblick über Stadt, Meer und Natur.

Unten am Meer verläuft die Prachtstraße Via Roma, gesäumt von neoklassizistischen Palästen, entlang der Marina-Hafenanlage, die derzeit mit Grünflächen und Spielplätzen als moderner Freizeit- und Erholungsraum neu gestaltet wird. Fußläufig davon, im höher gelegenen Castello-Viertel, wartet die Kathedrale Santa Maria mit einem Innenraum, der in den Bann zieht: Eine geradezu überirdisch schimmernde Verkleidung aus rosa Marmor macht sie zu einem der schönsten Sakralräume der Insel.

Kunstliebhaber sollten der Cittadella dei Musei unbedingt einen Besuch abstatten – eine über zahlreiche Stufen erschlossene Kulturanlage mit interessanter Terrassenarchitektur, in der mehrere Ausstellungshäuser vereint sind: die Pinakothek religiöser Kunst und Alter Meister der italienischen Renaissance sowie das archäologische und ethnografische Museum.

Noch etwas weiter hinauf liegt der Giardini Pubblici – eine Oase im wahrsten Sinne des Wortes. Man betritt den Stadtpark durch ein schmiedeeisernes Tor und tritt sofort in eine stille, kunstsinnige Welt ein, weit weg vom Lärm der Stadt. Die Skulpturenarrangements im Brunnen am Parkeingang verstärken diesen Eindruck: schlafende Figuren, in Bücher versunken oder träumend auf den Wasserfläche taumelnd. Nebenan ist in einem ehemaligen Waffenlager die Galleria Comunale d’Arte untergebracht, mit Werken sardischer Künstler des 20. Jahrhunderts, darunter einige herausragende Gemälde und Skulpturen, etwa eine ungewöhnliche Pietà-Darstellung.

Verlässt man den Park auf der gegenüberliegenden Seite und steigt den Hügel etwas weiter herab, stößt man unweigerlich auf das römische Amphitheater. Seine behutsam freigelegten Ränge bieten eine ruinöse Authentizität, die viele überambitioniert restaurierte Anlagen in Europa vermissen lassen. Spätestens hier wird bewusst, wie weit Sardiniens Geschichte zurückreicht – nämlich als Teil des Römischen Reiches lange vor dem Mittelalter.

Jahrtausende in Stein: Das Kulturerbe der Nuraghen

Und noch vor der römischen Zeit liegt eine weitere, faszinierende Phase sardischer Geschichte: die Nuraghen-Kultur, die von etwa 1800 bis 200 v. Chr. blühte. Diese Hirtenkultur hinterließ kegelförmige Türme aus roh und ohne Mörtel übereinandergeschichteten Steinblöcken – stumme Wächter in der Landschaft, rätselhaft und beeindruckend zugleich.

Ebenso verloren und einsam wie viele Nuraghen wirken manche christlichen Zeugnisse aus sehr viel späterer Zeit, etwa die in Schwarz-Weiß-Streifen gemusterte Kirche Trinità di Saccargia nahe Sassari mit ihrer pisanisch-romanischen Fassade. Ganz anders, aber ebenso bemerkenswert ist die kleine Landkirche Stella Maris in Porto Cervo an der Nordostküste. Der organisch geformte Weißbau aus den 1960er Jahren bewahrt in seinem Inneren ein beeindruckendes Gemälde El Grecos – die Mater Dolorosa, eine stille und eindringliche Darstellung christlicher Frömmigkeit.

Die Ostküste: Urtümliche Schönheit aus Porphyr und Olivenholz

Die Erosionslandschaft Sardiniens, die sich in abgerundeten, harmonischen Hügel- und Bergketten zeigt, findet ihren eindrücklichsten Ausdruck an den Rocce Rosse bei Arbatax. Die Formation aus hellrot-bräunlichem Porphyrgestein ragt aus der Meeresbrandung, skurril und magisch zugleich. Fast kulissenhaft, wie aus Kunststoff modelliert, erhebt sich dieser Restfelsen aus dem türkisblauen Wasser, gezeichnet von Jahrmillionen der Erosion.

Etwas weiter nördlich liegt Santa Maria Navarrese – ein von Olivenbäumen gesäumter Küstenort, der trotz seines touristischen Potenzials entspannt und unaufgeregt geblieben ist. Lediglich ein paar kleinere Hotels und privat vermietete Ferienapartments in aufgestockten Privathäusern zeugen von touristischen Einflüssen. Ansonsten herrscht in dem Badeort, den die Einheimischen als „den Strand von Baunei“ bezeichnen, zumindest in der Vorsaison im Frühjahr, provinzielle Stille.

Baunei, der Hauptort der Gemeinde, liegt landeinwärts, gut fünfzehn Kilometer entfernt, auf rund 500 Metern Höhe. In einem der Restaurants an der Ortsstraße kann man vor dem Abendessen wunderbar einen Aperitivo genießen, während man die dunklen Konturen der Granitgipfel im milden Gegenlicht der untergehenden Sonne betrachtet und den Blick über die Ebene von Tortolì schweifen lässt.

Wer von hier aus zurück nach Olbia im Norden zum Flughafen muss, nimmt am besten die SS 125 – eine der landschaftlich schönsten Panoramastraßen der Insel. Sie führt durch spektakuläre Schluchten, vorbei an gewaltigen Bergmassiven. Strauch- und Hartlaubgewächse überwuchern die Felsen, jene für Sardinien so typische immergrüne Vegetation der Macchia, die im Frühjahr in einem ungewöhnlich satten Grün leuchtet. Spätestens hier stellt sich unweigerlich ein tiefes Gefühl von Frieden und Harmonie ein, das man mit nach Hause nimmt.

Bild: Rocce Rosse bei Arbatax ©Svetlana Alexeeva

Reisehinweis:
Als verlässliche Orientierung für individuelle Entdeckungen auf Sardinien eignet sich Eberhard Fohrers Sardinien. Reiseführer. Michael Müller Verlag, 19. Auflage 2026, 624 Seiten, 27,90 Euro.