Reads by Insight
»Die Träume, die wir hatten. Meine Freundin, Russland, die Ukraine und ich« von Christiane Hoffmann
Rezension
Zwischen persönlicher Trauer und historischem Bruch mit Russland
Ende Februar 2022 brechen für Christiane Hoffmann fast gleichzeitig zwei Welten zusammen. Eine enge Freundin aus Jugend- und Studienzeiten nimmt sich das Leben; zwei Tage später beginnt Russlands Großangriff auf die Ukraine. Zwei Verluste fallen so auf verstörende Weise zusammen: der eines nahen Menschen und der eines Landes, das im persönlichen und beruflichen Leben der Autorin eine zentrale Rolle gespielt hatte. Mehr als vier Jahre braucht es, bis daraus, mit Abstand zum ersten Schock, dieses Buch entsteht.
Russlands Krieg ist heute, mehr als viereinhalb Jahre nach seinem Beginn, zu einem Abnutzungskrieg geworden. Er dauert inzwischen länger als der Große Vaterländische Krieg, wie der Krieg der Sowjetunion gegen NS-Deutschland von 1941 bis 1945 in Russland genannt wird. Dieser doppelte Verlustschmerz, unstillbar, so scheint es, ist die treibende Kraft hinter Hoffmanns sehr persönlichem, die Vergangenheit immer wieder befragenden Buch. Stellenweise liest es sich wie ein Tagebuch, so intim sind seine Bekenntnisse, Erinnerungen, Eingeständnisse. „Nur langsam sinkt die neue Wirklichkeit ein“, bekennt die Autorin. Sie ringt mit sich, sucht nach Erklärungen, macht sich Vorwürfe, stellt sich immer wieder dieselben Fragen: Warum? Hätten sich beide Tragödien verhindern lassen? Hatte man genug getan?
Dann wieder wird es poetisch, wenn Hoffmann Anna Achmatowa, der großen russischen Dichterin, die Bühne überlässt. Über Achmatowas letzten Gedichtzyklus, die „Mitternächtlichen Verse“, schrieb die verstorbene Freundin ihre Magister- und Doktorarbeit. Den Band mit diesen Versen trägt Hoffmann in den Wochen nach den beiden Katastrophen ständig mit sich. Er wird zum Fetisch, zum Menetekel, zur Beschwörung. Eigentlich braucht sie das Buch nicht, denn die Gedichte kennt sie seit langem auswendig: „Ich sage mir die Gedichte herauf und herunter, ich flüstere sie mir vor … Sie sind meine Gebete, meine Litanei … Sie sind mein Schmerz und mein Trost.“
Achmatowa ist die Verbindung zur toten Freundin – und zugleich zu Russland, zu jenem Russland, das mit dem Angriffskrieg auf die Ukraine für Hoffmann verloren ging. Die leidgeprüfte Dichterin ist ein Sinnbild russischer Geschichte. Sie erlebte alle Schrecken des 20. Jahrhunderts in Russland: Revolution und Bürgerkrieg, beide Weltkriege und die Blockade von Leningrad. Ihr Mann Nikolai Gumiljow wurde von der Tscheka erschossen, ihr Sohn verbrachte Jahre in Gulag-Lagern.
Hier offenbart sich viel aus Hoffmanns eigener Biografie. Sie kennt Russland und die Ukraine aus gelebter Erfahrung: als Slawistikstudentin im Leningrad der späten Sowjetzeit, als Praktikantin beim staatlichen Rundfunk in Kiew, später als Moskau-Korrespondentin der FAZ. Als Russland im Februar 2022 die Ukraine angriff, war Hoffmann Erste Stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung unter Olaf Scholz. Dass dort eine ausgewiesene Osteuropa-Kennerin die dramatischen ersten Kriegsmonate kommunikativ mitbegleitete, war mehr als eine biografische Pointe: ihre Erfahrung, Sprachkenntnis und historisches Wissen waren plötzlich unmittelbar politisch gefragt.
Die Erinnerungen an die Studentenzeit in den letzten Jahren der Sowjetunion nehmen viel Raum im Buch ein. Hoffmann kommt 1989 nach Leningrad, um russische Literatur zu studieren. Im Zeichen von Glasnost und Perestroika, interessierten sich plötzlich viele für Russland. „Wir suchten das andere, das Verborgene und Verbotene, das Abseitige und Gebrochene, wir suchten den Rand Europas, nah und fremd zugleich.“, erinnert sich die Autorin.
Die Passagen über Leningrad und später Kiew sind gespickt mit amüsanten Geschichten, scharfsinnigen Beobachtungen, witzigen Anekdoten und zufälligen Begegnungen, aus denen mitunter langjährige Freundschaften entstanden sind. Mit viel Einfühlungsvermögen erzählt Hoffmann vom entbehrungsreichen Alltag der Wendezeit, den sie mit den Menschen teilt: vom stundenlangen Anstehen für Lebensmittel, von den Babuschkas, den alten Mütterchen, in den Warteschlangen, vom allgegenwärtigen „Defizit“, wo vieles Mangelware wird.
Die hellwache Weststudentin spürt, wie sich Räume öffnen, die früher aus ideologischen Gründen verschlossen waren. Plötzlich wird vieles möglich. Verbotene, zensierte oder nur im Samisdat verbreitete Literatur kehrt zurück. Pasternak, Grossman, Solschenizyn, Zwetajewa, Achmatowa – ein Land, so beschreibt Hoffmann diese Zeit, holt sich seine Literatur und seine verdrängte Erinnerung zurück. 1989 konstituiert sich in Moskau Memorial, eine der ersten spätsowjetischen NGOs, die die Erinnerung an die Opfer politischer Repressionen und des Gulag wachhalten will.
Hoffmann traut sich. Sie reist von Leningrad aus ins nahe Baltikum, obwohl westlichen Studenten solche Fahrten eigentlich untersagt sind. Nahe Tartu in Estland wird sie von der Nachricht über den Fall der Berliner Mauer überrascht. Es ist die Zeit des politischen Umbruchs, kulturellen Aufschwungs und gleichzeitig der wirtschaftlichen Krise. Überlebenssorgen und Zukunftsängste mischen sich in die anfängliche Euphorie, die 1992 mit den radikalen marktwirtschaftlichen Reformen im Zuge der neoliberalen Schocktherapie abrupt endet. Die frühen 1990er Jahre, diese Enttäuschungen, bezeugt Hoffmann, würden über das künftige Verhältnis zwischen Russland und dem Westen entscheiden, und damit langfristig über die Sicherheit Europas. Spätestens hier werden die Brüche sichtbar, aus denen später viele Enttäuschungen der postsowjetischen Jahre erwachsen.
In diesen Erinnerungen an die Jugend und die gemeinsamen Träume, aber auch in den späteren Rückblicken, zeigt sich Hoffmanns verzweifelter Versuch zu verstehen, was sich zugetragen hat. Die nagenden Fragen bleiben: Hätte der Freitod der Freundin verhindert werden können? Hätte sich Russlands Krieg gegen die Ukraine noch aufhalten lassen? Wurde alles versucht, bevor es zu spät war? Wo lagen Versäumnisse, Fehleinschätzungen? Die frühen 1990er Jahre, so bezeugt es die Autorin aus eigener Anschauung der Verhältnisse vor Ort, sollten über das künftige Verhältnis zwischen Russland und dem Westen entscheiden, und damit langfristig über die Sicherheit Europas. Und so werden aus Hoffmanns persönlicher Suche Fragen, denen sich auch der Leser als Zeitgenosse dieses furchtbaren Krieges kaum entziehen kann.
Christiane Hoffmann gelingt es, die Geschichte einer Freundschaft mit den Umbrüchen der Zeit eng zu verweben. Persönliche Trauer steht neben historischer Katastrophe, individuelle Schuldgefühle neben der Frage nach politischer Verantwortung. Wie schon in ihren früheren Büchern verbindet sie profunde, nuancierte Osteuropa-Kenntnis mit psychologischem Gespür und großer Empathie.
Die Lektüre stimmt nachdenklich, zuweilen bitter. Denn sie macht sichtbar, wie eng deutsche, russische und ukrainische Biografien und Geschichte miteinander verbunden sind. Gleichzeitig erinnert sie daran, wie weit die Gegenwart von jenen Hoffnungen entfernt ist, die viele Menschen in Ost und West nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Zusammenbruch der Sowjetunion einmal miteinander teilten.








