Berlin, Mitte September 2026. Beim BGA-Unternehmertag diskutiert ein Teil der deutschen Wirtschaft, der im öffentlichen Diskurs oft weniger sichtbar ist als Industrie oder Einzelhandel, aber für Lieferketten, Beschaffung und Absatzmärkte systemrelevant ist.
Bundeskanzler Friedrich Merz war als Redner dabei, zu einem politisch denkbar angespannten Zeitpunkt. Die CDU hatte bereits ein „bitteres Wahlergebnis” in Sachsen-Anhalt eingefahren, wie er selbst einräumte. Wenige Tage später sollten weitere herbe Verluste in Berlin und dem historischen Ausscheiden der CDU aus dem Landtag in Mecklenburg-Vorpommern folgen. Umso bemerkenswerter war seine Ankündigung, am Reformkurs festhalten zu wollen: „Wir müssen unser Land reformieren.“
Deutschland in einer neuen Realität
Der wirtschaftspolitische Handlungsdruck ist nach den Landtagswahlen im September spürbar gestiegen. Im Inland beklagen Unternehmen schon lange im internationalen Vergleich zu hohe Energie- und Lohnnebenkosten, eine erdrückende Steuerlast und ausufernde Bürokratie, verschärft durch Fachkräftemangel und eine ungünstige Demografie. Im globalen Umfeld kommen geopolitische Unsicherheiten und wachsende Marktfragmentierung hinzu, die Lieferketten anfällig halten. China wird zunehmend zum Wettbewerber in den Industriezweigen, die lange als deutsche Kernkompetenz galten. Die USA, einst zuverlässiger Wirtschaftspartner, stellen nationale Interessen über WTO-konforme Regeln und greifen zu Zöllen als Protektionismusinstrument.
Dass Reformen notwendig sind, daran gibt es keinen Zweifel. Entsprechend lautete die Botschaft von BGA-Präsident Dirk Jandura, stellvertretend für viele mittelständische Unternehmen des Spitzenverbands. Die Bundesregierung müsse die Reformen konsequenter umsetzen und insbesondere die Rahmenbedingungen für den Mittelstand verbessern, denn davon würden Tausende von Arbeitsplätzen und die wirtschaftliche Substanz unseres Landes abhängen.
Doch die entscheidende Frage ist längst nicht mehr nur, welche Reformen notwendig sind, sondern ob sie politisch noch durchsetzbar sind.
Jenseits der Tagespolitik stellt sich eine weitere große Frage, die den Unternehmertag geprägt hat: Wie bleibt Deutschland, unter den verschärften Vorzeichen innen wie außen, politisch handlungsfähig und international wettbewerbsfähig? Die Frage ist keine abstrakte. Sie trifft mittelständische Unternehmen im Groß- und Außenhandel täglich – in konkreten Beschaffungsentscheidungen, Geschäftsstrategien und Investitionsplanungen.
Die europäische Freihandelsoffensive
Die Antwort, wie sich die viel beschworene Resilienz erreichen lässt, kann nur eine europäische sein: durch mehr Diversifizierung, neue Handelspartner und schnellere Freihandelsabkommen. Brüssel liefert hier inzwischen mehr als Absichtserklärungen. Neue Handelsabkommen mit Mercosur, Indien, Australien und den Philippinen sollen nicht nur Absatzmärkte öffnen, sondern auch alternative Bezugsquellen und robustere Lieferketten sichern und helfen, übermäßige strategische Abhängigkeiten von einzelnen Handelspartnern abzubauen. Handelspolitik wird damit immer stärker mit Industrie-, Wirtschafts- und Sicherheitspolitik verzahnt.
Der europäische Binnenmarkt mit seinen rund 450 Millionen Verbrauchern gewinnt in dieser neuen Konstellation an Gewicht. Für den deutschen Außenhandel ist diese europäische Dimension beinahe existenziell. Der Binnenmarkt und der Euro seien „unsere wirtschaftliche Lebensversicherung, unser rettendes Ufer“, stellte Jandura in seiner Rede fest. Ohne diese beiden Grundpfeiler wären die exportorientierten deutschen Unternehmen „inzwischen kollabiert“.
Neue Freihandelsabkommen öffnen Märkte, doch das deutsche Standortproblem lösen sie nicht. Wer auf globalen Märkten bestehen will, braucht vor allem im eigenen Land verlässliche Rahmenbedingungen. Dazu gehören insbesondere wettbewerbsfähige Energiepreise und Steuern, ein ausgewogenes Regelwerk aus Berichtspflichten und Vorschriften sowie eine zeitgemäße, gut funktionierende Infrastruktur.
Das bleibt eine zentrale Hausaufgabe für die Bundesregierung unter Merz, und vermutlich die schwierigere. Deutschlands Reformbedarf ist bekannt. Zum eigentlichen Stresstest wird nun, ob notwendige Veränderungen auch dann umgesetzt werden, wenn der politische und gesellschaftliche Druck – wie nach den drei Landtagswahlen – weiter wächst.
Was heißt das aber für den Mittelstand? Unternehmen, die auf günstigere Rahmenbedingungen warten, verlieren Zeit. Die strategisch klügere Haltung ist: eigene Resilienz schon jetzt aktiv gestalten, etwa durch durchdachte Lieferkettenstrategien, konsequente Marktdiversifizierung und eine nüchterne Einschätzung geopolitischer Risiken.
Bild: Bundeskanzler Friedrich Merz bei seiner Rede auf dem BGA-Unternehmertag in Berlin








